August Gievers und Klaus Wesseler restaurierten alten Normag Zorge
Schon nach meiner Schulentlassung mit 14 Jahren war mir klar, dass unser landwirtschaftlicher Betrieb einen Traktor braucht. Mein Vater Johannes Gievers war da allerdings anderer Meinung. Nach einer einjährigen Fremdlehre auf einem landwirtschaftlichen Betrieb in Münster, wo es bereits einen Trecker gab, konnte ich meinen Vater von der Notwendigkeit dieser "neuzeitlichen Errungenschaft" überzeugen.
Prospekte von Traktoren hatte ich schon im Alter von 12 Jahren gesammelt. Vetreter von Normag, Deutz und Lanz besuchten den Hof dann jede Woche. Mit dem Landmaschinenhändler Uffelmann und Simon aus Borgentreich und mit seinem Vertreter Franz Heinemann wurde ein Kaufvertrag für einen Normag Zorge, Faktor II, mit 20 PS abgeschlossen. Die Lieferzeit sollte laut Vertrag ein halbes Jahr dauern. Oft war ich in Borgentreich, um nach dem Auslieferungstermin zu fragen. Dabei lernte ich die beiden Mechaniker Josef Stüwe und Franz Arendes kennen, die bei mir das Interesse am Beruf des Kraftfahrzeugmechanikers weckten.
Die Traktoren wurden seinerzeit noch "per Achse" aus der Fabrik bei Hattingen geholt. So fuhr Josef Stüwe mit einem Lehrling damals ins Werk. Im Gepäck hatten die beiden 4 Abschleppstangen, die von der Firma Uffelmann und Simon für den führerlosen Transport entwickelt worden waren. Mit diesen Abschleppstangen konnte man bis zu 5 Traktoren von Hattingen nach Borgentreich schleppen: Josef Stüwe saß auf dem ziehenden Traktor, der Lehrling auf dem letzten. 22 Meter maß der Konvoi. Später war dieser Transport nur noch bis zu einer Länge von 18 Meter erlaubt.
Die Lehrling hatte die Aufgabe, den ungewöhnlichen Zug gestreckt zu halten und bergauf zu schieben. Ohne Verdeck bei Wind und Wetter, mit Regenwasser in den Schuhen, kamen die beiden durchnässt in Borgentreich an. Dort warteten schon die Landwirte auf die Traktoren.
Josef Stüwe erinnerte sich, dass er einmal mit 5 Traktoren in Borgentreich auf dem Firmenhof ankam, aber 6 Landwirte Ihre Fahrzeuge abholen wollten. Das Verteilen wurde zu einem Problem, da auch ein Vorgehen nach dem Bestelldatum nicht möglich war, denn alle Landwirte hatten am gleichen Tag den Kaufvertrag unterschrieben.
Der Mechaniker musste die Traktoren auf den Höfen der Landwirte ausliefern und die Bauern mit Pflege, Wartung und dem Gebrauch der Trecker vertraut machen. Das konnte von Fall zu Fall schon mal einen Tag oder länger dauern.
Unser Traktor wurde uns im August 1953 zum Kaufpreis von 6200 Mark geliefert. An- und Abspannen der Pferde bestimmten nicht mehr den Tagesablauf, denn der Traktor arbeitete Tag und Nacht, ohne müde zu werden.
Mein Vater war aber immer noch nicht begeistert von der neuen Errungenschaft, dem Norma Zorge. Sein Sprichwort lautete: "Hast Du keine Sorgen, kauf einen Norman Zorgen". Mein Vater hatte jedesmal Tränen in den Augen, wenn ein Pferd den Hof verließ. So blieben nach einigen Jahren von unseren sieben Pferden nur noch 2 übrig, die noch für Saategge und die Drillmaschine gebraucht wurden. Auch für die sonntägliche Kutschfahrt der Familie zur Kirche wurden die Pferde angespannt.
Die vorhandenen Bodenbearbeitungsgeräte wurden nun für den Schlepperzug umgebaut. Nach 6 Monaten war auch mein Vater mit der neuen Technik vertraut und sagte nicht mehr "Brrr", wenn der Traktor anhalten sollte.
1958 erwarb ich bei der Bundeswehr den Gesellenbrief als Kraftfahrzeugmechaniker und führte später mit meiner Frau eine Fahrschule. Als Renter machte ich mich per Internet auf die Suche nach dem Traktor, der so eng mit meinen Jugenderinnerungen verbunden ist. In Freiburg wurde ich fündig und konnte einen typgleichen Traktor nach Borgholz zurückholen.
Inzwischen ist der Traktor von mir und Klaus Wesseler renoviert worden und ist wieder funktionstüchtig im Museum "Dorfgeschichte" zu sehen. Dort steht er in einer Reihe mit Traktoren, die in Borgholz die Pferde abgelöst haben: Neben dem Deutz von Theo Temme, de Güldner von August Graute, dem Fendt Dieselroß von Wilhelm Redeker und dem Lanz von Gustav Gievers.
Übrigens hatte ich als wahrscheinlich erster Landwirt im Altkreis Warburg ein Autoradio in einem gepolstertem Kasten auf dem Normag untergebracht, welches mir bei manchen Zeitgenossen Kopfschütteln oder Zustimmung einbrachte.
August Gievers, im Januar 2006